Nach der Fahrt über die Save-Brücke und einigen Minuten an der Grenze sind wir angekommen in einem verstörenden Land. Im Unterschied zu den später von uns besuchten Teilen des Landes sind die ersten Kilometer entlang der Straße, inzwischen rund zwei Jahrzehnte nach den Kämpfen gesäumt von Häuserruinen. Sie stehen hier in scharfem Kontrast zum friedlichen Grün der Frühlingslandschaft und den blühenden Ostbäumen. Nur neben manchen Ruinen finden sich auch neugebaute Häuser.
Es ist ein sehr bedrückendes Gefühl und beinahe mehr berührend als später unsere Besuche auf den Friedhöfen der Opfer dieses Krieges. Denn hier, bei diesen Ruinen, da ist es noch spürbar, das einstige Leben der Menschen. Du siehst die ehemaligen Vorgärten, du kannst dir vorstellen wie hier gegrillt und gelacht wurde. Du kannst dir vorstellen, wie die Menschen sich einst diese Plätze ausgesucht haben mögen, vielleicht auch wegen der guten Lage und wie viel Arbeit sie hineingesteckt haben in ein Heim, ein Zuhause. Jedes einzelne Haus wird so zum Mahnmal, zum Gedenkort für Vertreibung und Entheimatung.
Wir sind in Bosnien-Herzegowina oder besser gesagt in der „Srpsksa Republika“. Das ist daran zu merken, dass hier ausschließlich serbische Fahnen wehen. Auch wäre die Orientierung nach Sarajevo ohne Straßenkarte hier gar nicht so leicht gewesen, denn es fehlen alle Hinweise auf die Hauptstadt dieses Staates. Stattdessen findet sich auf den Wegweisern der Name der Hauptstadt Serbiens im heutigen Nachbarstaat.
Es hat viel geregnet (und wird auch jeden kommenden Tag unserer Reise regnen). Schlecht zum Fotografieren, gut dafür dass die Flüsse, um deren symbolischen Gehalt, historische Kontextualisierung es in unserem Projekt ja geht, sich kräftig zeigen.
Bei Doboj machen wir halt. Die Bosna, kommend aus den Bergen rund um Sarajevo und Namensgeberin der Region Bosnien, ist dick und braun. Sie hat hier schon viel Wasser aufgenommen (und auch nicht wenig Treibgut). Später wird der Fluss in die Save münden.
Für den Rest der Reise nach Sarajevo wird der Fluss unser Begleiter sein. Meist sind es ländliche Landschaften voller Grün.
Zenica, eine Stadt mit langer Geschichte, verdankt ihre heutige industrielle Prägung der österreichisch-ungarischen Monarchie. Gleich nach der Besetzung des Landes ging die Monarchie daran, das Land mit der Eisenbahn zu erschließen und in den ersten Jahren wurden bereits viele Industrien aufgebaut. Neben der für unser Projekt wichtigen Tabakindustrie (mit k.u.k.-Fabriksgründungen in Sarajevo, Mostar und Banja Luka) wurde noch vor 1900 in Zenica ein Kohlebergwerk, eine Verpackungsfabrik und eine Eisenhütte errichtet.
Auf dem letzten Teilstück, der Autobahn vor Sarajevo, werden wir die Bosna noch des öfteren queren.
Mit dem letzten Tageslicht erreichen wir Sarajevo, dass sich entlang einer mehrspurigen Straße von Westen nach Osten sowie auf die angrenzenden Hügel ausdehnt. Aus der sechsspurigen Straße wird schlussendlich jene Quaistraße entlang dem Fluss Miljacka, die auch Franz Ferdinand und seine Frau am Tag des Attentats fuhren. Bevor es wieder raus aus der Stadt geht, biegen wir um das ehemalige Rathaus (dort wo auch die Straßenbahn quitschend um die Kurve kommt) und sind angekommen, im osmanisch geprägten Teil der Stadt, der Baščaršija.