Miljacka-Brücke # 3: Latinska ćuprija

Die Latinska ćuprija (Lateinerbrücke) ist eine der ältesten und schönsten Steinbogenbrücke über die Miljacka in Sarajevo. Die Vorgängerbauten der Brücke, die sich auch in den Sarajevo Stadtwappen (aus der Zeit Jugoslawiens und im aktuellen) befinden, stammten ebenso wie die aktuelle Steinbrücke aus osmanischer Zeit.

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Ihr Name hat daher nichts mit einer eventuell römischen Herrschaft zu tun, sondern vielmehr damit dass es die kürzeste Verbindung vom früher mehrheitlich katholisch bewohnten Viertel Latinluk auf der linken Flussseite zur römisch-katholischen Kathedrale in der Stari Grad (Alte Stadt) am anderen Ufer der Miljacka.

Der Bau der Herz-Jesu-Kathedrale wurde bereits einige Jahre nach der österreichisch-ungarischen Machtübernahme im Jahr 1884 begonnen und fünf Jahre später fertig gestellt. Denn obwohl es bereits seit Jahrhunderten eine katholische Gemeinschaft in Bosnien gab, war es diese Machtübernahme, welche den Ausbau und 1881 die Gründung eines Erzbistums Sarajevo mit sich brachte.

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Am 30. April 2014 wurde vor der Kathedrale ein Denkmal für den erst gerade heiliggesprochenen Papst Johannes Paul II. enthüllt, der 1997 Sarajevo besucht hatte.

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Das Denkmal wurde in den ersten Tagen sofort zum Verehrungsort und beliebten Fotomotiv.

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Große öffentliche Verehrung wurde in Sarajevo lange Zeit auch jenem Mann zuteil, der  – und damit kommen wir wieder zurück zur Lateinerbrücke – dort (aus Spielfilmsicht 1968, ab 57:20) auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie schoss und beide tötete (hier ein kurzer Film über deren Ankunft in Sarajevo bzw. aus Spielfilmsicht 1968, ab 27:27. In diesem Film wird Franz Ferdinand auch folgender Satz in den Mund gelegt: „Gibt´s den irgendeine Religion, die hier in Sarajevo nicht vertreten ist? Juden, Katholiken, Muslimanen, Orthodoxe. Das ist gut für uns. Es regiert sich leichter.“).

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Gavrilo Princip, der Attentäter, dem heuer – nicht nur in Österreich – wieder so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, war damals noch nicht einmal 20 Jahre alt. Das Datum des Anschlags, das als der Auslöser des Ersten Weltkrieges gilt, war der 28. Juni 1914, und es fiel damit wohl nicht unzufällig zusammen mit dem Gedenktag zur Schlacht am Kosovo Polje (auf Deutsch: der Schlacht am Amselfeld) im Jahr 1389, dem bis heute, gerade im Zusammenhang mit der serbischen Geschichte (aber etwa auch der antimuslimisch motivierten  Vereinnahmungsversuche der Strache-FPÖ für österreichische WählerInnengruppen mit serbischem Migrationshintergrund), eine sehr hohe symbolische Bedeutung zukommt.

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Noch heute, 100 Jahre nach dem tödlichen Anschlag, ist die Bandbreite der Rezeption zur Gruppe der „Mlada Bosna“, zu welchen Princip gehörte,  riesengroß und abhängig von unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen. Dass Wikipaedia, das ich auch gerne als Quelle nutze, in Beschreibungen ebenfalls stark abhängig ist vom Gesichtspunkt der jeweiligen AutorInnen, zeigt sich am Vergleich verschiedensprachiger Wikipaedia-Versionen zum selben Stichwort, der Gruppe „Mlada Bosna“.

Das deutschsprachige Wikipaedia scheibt sehr ausführlich über sie, unter anderem: „Ziele von Mlada Bosna waren die revolutionäre Befreiung Bosnien-Herzegowinas von der österreich-ungarischen Besatzung und der Zusammenschluss südslawischer Provinzen Österreich-Ungarns (…) Mitglieder von Mlada Bosna kritisierten den Konservativismus und die Unbildung der Massen, riefen zum Widerstand gegen die autoritäre Machtstruktur und das jesuitische Schulwesen Österreich-Ungarns auf und vertraten die Gleichberechtigung von Frauen. Einen großen Einfluss auf die Bewegung hatten Giuseppe Mazzinis Junges Italien und Tomáš Garrigue Masaryk, darüber hinaus auch russische Revolutionäre wie Michail Alexandrowitsch Bakunin und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin. Viele Mitglieder von Mlada Bosna waren literarisch interessiert und begabt.“

In der bosnischen Wikipaedia-Version wird die „terroristische“ Bewegung hauptsächlich reduziert auf die Thronfolger-Ermordung. Im Schlusssatz wird der Interpretationsrahmen – von Terrororganisation bis Freiheitsbewegung (aus serbischer Sicht) – nochmals eröffnet.

Das kroatischsprachige Wikipaedia hält sich sehr kurz und reduziert die Bewegung schlussendlich auf eine in der Praxis großserbische Idee.

Was die einen als „groserbisch“ kritisieren, ist für die anderen, so in der serbischsprachigen Wikipaedia-Version, eine „ethnische“ Vereinigung von Gebieten, in welchen das serbische „Volk“ die Mehrheit hat und die Befreiung dieser Gebiete von „türkischer Herrschaft“. Nachdem die osmanische Herrschaft bereits lange vor der Gründung der „Mlada Bosna“ beendet war, kann dies wohl eher als Synonym für „muslimisch“ interpretiert werden.

Insofern beschreiben diese verschiedenen Wikipaedia-Versionen nicht nur einen Kontext im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sondern spiegeln auch die jüngere Geschichte und aktuellen Frontstellungen in Bosnien-Herzegowina leider nur zu gut wieder.

Vor wenigen Jahren scheint sich in Bosnien-Herzegowina wieder eine Gruppe „Mlada Bosna“ gebildet zu haben, was von der österreichischen kommunistischen Zeitschrift „Der Funke“ aus „antiimperialistischen“ Beweggründen höchst begrüßt wird:

„Mit der Wahl Eures Namens stellt ihr euch in die beste Tradition der radikalen anti-imperialistischen Jugend am Balkan. Bosnien-Herzegowina ist heute wieder eine Kolonie des Westens. (…) Wie überall am Balkan, so auch in Bosnien-Herzegowina, sind es insbesondere österreichische Kapitalgesellschaften, die die direkten ökonomischen Profiteure des von ihnen mitverschuldeten Völkermordens sind. (…)Gavrilo Princips Mut verdient unseren Respekt und Anerkennung.  (…) Die letzten Worte Gavrilos waren in die Kerkermauern seines Habsburger Verlieses eingeritzt: Unsere Geister werden durch Wien wandern Am Hofe umherirren, die sogenannten Herrschaften erschrecken.Mlada Bosna hat die Habsburger Herrschaft nicht nur erschreckt, sondern erschüttert. Diese Erschütterung nützten die Arbeitermassen aller Nationen, auch der deutschsprachigen, um das Völkergefängnis der Monarchie auf den Misthaufen der Geschichte zu entsorgen.“

Nicht nur die Bewertungen von Princip und der Gruppe „Mlada Bosna“ sind bis heute unterschiedlich, sondern auch das öffentliche Gedenken an das Attentat in Sarajevo in der Umgebung der Lateinerbrücke war an die wechselnden Machtverhältnisse in Sarajevo angepasst.

„Sühnedenkmal“ bzw. Gedenksäule:

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Sie wurde 1917 am dritten Jahrestag des Attentates am Ufer der Miljacka bei der heutigen Lateinerbrücke errichtet, aber bereits eineinhalb Jahre später Ende 1918 vom nunmehrigen SHS-Königreich wieder fast zur Gänze (bis auf einen heute noch als Steinbank genutzten Teil) abgetragen. Ein kleiner Teil der Säule befindet sich auch noch in der Umjetnička galerija Bosne i Hercegovine in Sarajevo.

Gedenktafel:

Die schriftliche Erinnerungstafel am Ort des Anschlags hat ihre Botschaft ebenfalls mehrere Male während der letzen Hundert Jahre geändert.

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Die erste, anlässlich des 15. Todestages einiger Mlada Bosna-Mitglieder am 2. Februar 1930 angebrachte Tafel trug dire kyrillische Aufschrift: „Na ovom istorijskom mestu Gavrilo Princip navijesti slobodu na Vidovdan 15/28 1914. godine („An diesem historischen Platz hat Gavrilo Princip die Freiheit am Vidovdan 15/28 1914 gebracht“).  Entfernung auf persönlichen Wunsch Adolf Hitlers bis zum 17. April 1941 am Ort des Sarajevoer Attentates.

Nach der Einnahme Sarajevos durch die NS-Truppen  am 16. April 1941 wurde die Tafel tags darauf unter großem Getöse entfernt (und auch filmisch festgehalten, ca. ab 1:00) und Hitler zu seinem 52. Geburtstag als Geschenk überreicht.

Bereits einen Tag nach der Befreiung Sarajevos durch die Partisanen wurde genau Heute vor 69 Jahren eine zweite Tafel montiert, die die ehemalige österreichisch-ungarische Monarchie bzw. das damals gerade noch zum Deutschen Reich gehörende Österreich mit Deutschland in einem Atemzug nennt: „U znak vječite zahvalnosti Gavrilu Principu i njegovim drugovima borcima protiv germanskih osvajača, posvećuje ovu ploču omladina Bosne i Hercegovine – Sarajevo 7. maja 1945. Godine“ („Im Zeichen der ewigen Dankbarkeit an Gavrilo Princip und seinen kämpfenden Freunden gegen die deutschen Eroberer, stiftet diese Tafel die Jugend von Bosnien und Herzegowina – Sarajevo 7. Mai 1945“).

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Der Ansatz, des Gedenkens an den kollektiven, übernationalen Sieg über den gemeinsamen  Außenfeind im Norden hielt jedoch nur bis zum Jahre 1952 wurde. Die nunmehr wieder in kyrillisch geschriebene Tafel stellte den Freiheitswunsch der Jugoslawien Völker in den Vordergrund: „Sa ovoga mjesta 28. juna 1914. godine Gavrilo Princip svojim pucnjem izrazi narodni protest protiv tiranije i vjekovnu težnju naših naroda za slobodom“ („Von diesem Platz hatte am 28. Juni 1914 Gavrilo Princip mit seinen Schüssen den Volksprotest gegen die Tyrannei und das Jahrhunderte währende Streben unserer Völker nach der Freiheit ausgedrückt“). Diese Gedenktafel hielt bis zum Ende Jugoslawiens und wurde dann während des Bosnienkrieges 1992 abgetragen bzw. zerstört.

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Die 2003 neu aufgestellte Gedenktafel ist in „Bosnisch“ und Englisch gehalten und benennt nur mehr den historischen Kontext des Ortes.

Fußabdrücke:

1952 wurden vor der Gedenktafel künstlerisch-symbolisch die Fussabdrücke Princips im Boden visualisiert. Damit ergaben sich viele Möglichkeiten der Nutzung, so auch, in seine Fußstapfen zu treten. Im Laufe des Bosnienkrieges kam es zur Zerstörung der Fußabdrücke.

Museum:

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Im Eckhaus des Anschlagsortes wurde zu Zeiten Jugoslawiens eine museale Gedenkstätte für die „Helden“ der „Mlada Bosna“ errichtet. Heute befindet sich hier, nach einer längeren Zeit der Schließung das Muzej Sarajeva 1878-1918, das neben der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie sich zum größten Teil mit dem Attentat auf das Thronfolgerpaar beschäftigt und aktuell eine neue Fassadenfärbelung erhält. Dazu gibt es im Internet zudem ein „Virtual Museum of the Sarajevo Assassination“.

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Noch zur Zeit der Monarchie wurde vom oststeirischen Jesuitenpater Anton Puntigam, der den Leichnam von Franz Ferdinand in Sarajevo eingesegnet hatte, ein eigenes Franz-Ferdinand-Museum in einem jesuitischen Jugendheim in Sarajevo geplant. Puntigam, der u.a. in Graz die Schule besucht hatte und hier 1909 auch das Buch „Unsere Zukunft in Bosnien“ veröffentlichte, hatte dafür nicht nur die Waffe von Princip gesammelt  (sie war bis 2004 verschollen und wurde dann dem Wiener Heeresgeschichtlichen Museum  übergeben), sondern auch das blutgetränkte Unterhemd des ermordeten Thronfolgers. Auch dieses ist inzwischen, als Leihgabe der Gesellschaft Jesu im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum gelandet. Wenns stimmt was Wikipaedia dazu schreibt, dann gibt’s zu diesem Unterhemd eine gleichsam reliquienhafte Verehrung, wird es doch anscheinend jährlich zum Jahrestag des Attentats im Museum gezeigt.

Eine eigene Art der Gedenkkultur pflegt das Hostel „Franz Ferdinand“ in der Altstadt von Sarajevo, das nicht nur „1914“ als Wifi-Passwort benutzt, sondern auch mit Aufklebern „Your best shot“ in der Stadt wirbt.

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Brücke:

Die Lateinerbrücke selbst wurde nach der Monarchie umbenannt in Gavrilo-Princip-Brücke und erhielt erst im heutigen Bosnien-Herzegowina den Namen Lateinerbrücke zurück. Dennoch wird sie von vielen noch nach ihrem alten Namen benannt. Wäre es übrigens nach den Plänen der 1992-1995 die Stadt belagernden serbischen Truppen gegangen, dann hätte im Falle der serbischen Eroberung gleich die ganze Stadt Sarajevo zu Ehren des Gavrilo Princip in Principovo umbenannt werden sollen.

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Wenn auch keine ganze Stadt, aber doch einige Straßen auf einer in den Fluss Drina ragenden Halbinsel hat in den letzten Jahren der in Sarajevo geborene Regisseur Emir (bzw. seit seiner 2005 erfolgten orthodoxen Taufe: Nemanja) Kusturica im ostbosnischen Višegrad errichtet und ihr – zu Ehren des auch in Graz wirkenden Autors Ivo Andrić den Namen Андрићград (Andrićgrad) verpasst. Die Hauptstraße in diesem serbisch-nationalistischen artifiziellen kleinen Straßengeviert (inkl. Kino, Kirche und Cafes) ist, nicht zufällig, nach der Gruppe „Mlada Bosna“ benannt.

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Und offiziell eröffnet soll dieses touristisch-nationalistische Projekt –  die Kirche ist etwa den Helden des Kosovo Polje gewidmet  – auch nicht zufällig am 28.Juni 2014 werden. (mehr dazu dann im Blogeintrag zu Višegrad).

 

 

 

 

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